Hannover – Das „eco village“

Hannover-Kronsberg ist noch immer ein junger Stadtteil. Pünktlich zur EXPO 2000 war im Nordosten Hannovers ein neues Wohngebiet entwickelt worden, das schon damals rund 3000 Wohneinheiten umfasste. Kronsberg wurde während der EXPO als Unterkunft für Menschen aus aller Welt genutzt – die Gastaussteller*innen fanden sich in einem Quartier wieder, das hohen Umweltstandards entspricht und schon für sich eine kleine Attraktion darstellt. Für das gesamte Wohngebiet sind ein geringer Energieverbrauch, eine vollständige Versickerung des Regenwassers sowie die Verwendung umweltverträglicher Baustoffe vorgesehen. Vorbild für das Quartier waren nach eigener Aussage „gründerzeitliche Stadtgrundrisse, die von alleeförmigen Straßen, scharfen Baukanten und begrünten Innenhöfen geprägt wurden“. Als ich Kronsberg im Juni 2020 einen Besuch abstatte, finde ich mich an einem genau solchen Ort wieder: Eine Mischung aus Reihenhäusern und drei- bis vierstöckigen Wohnblöcken, viele Grünanlagen, große Gärten, eine direkte Anbindung an Naherholungsgebiete. Neben dem Quartier befindet sich der „Landschaftsraum Kronsberg“, der schon zur EXPO aufwändig umgestaltet worden war. Der Stadtteil selbst wird von Fahrradstraßen durchzogen und ist hervorragend an eine neu errichtete Stadtbahnlinie angebunden (keine Stelle im Quartier ist mehr als 600 Meter von einer Haltestelle entfernt).

Willkommen in Kronsberg! Charakteristisch für den Stadtteil sind unter anderem die vielen Fahrradstraßen.
An vielen Stellen haben die Reihenhäuser – zumindest in meinen Augen – skandinavisches Flair.
Eine der zahlreichen Grünanlagen in Kronsberg. Fast alle Wohnanlagen sind mit einem Innenhof ausgestattet.

Im vergangenen Jahr geriet Kronsberg nun erneut ins Blickfeld der Öffentlichkeit: Die Nachricht, dass in Hannover „Europas größte Mobilhaussiedlung“ entstehen solle, zog in ganz Europa mediales Interesse auf sich. Mittlerweile hat sich der Plan konkretisiert, und der im Jahr 2019 gegründeten Genossenschaft „ecovillage hannover eG“ wurde von der Stadt eine 50.000 Quadratmeter große Baufläche am Rand des Kronsberg-Quartiers angeboten. Was hier entstehen soll, liest sich wie eine Weiterentwicklung des zur EXPO entwickelten Stadtteil-Konzeptes: Eine Mischung aus Tiny Houses und drei- bis viergeschossigen Bauten mit kleinen Wohnungen und viel Gemeinschaftsfläche, ein „experimentelles Wohn- und Lebensquartier für bis zu 1000 Menschen“, ein „Modellprojekt für ein Stadtquartier im Zeichen des Klimawandels“. 25 Quadratmeter pro Person sollen durchschnittlich zum Wohnen ausreichen. Die aktuellen Planungen sehen ein autofreies Viertel, eine Begrünung aller Dächer, verschiedene Sharing-Angebote (einen gemeinsamen Waschsalon, eine Kantine und eine Do-It-Yourself-Werkstatt) sowie die Schaffung von öffentlich gefördertem Wohnraum für Menschen mit geringem Einkommen vor. Der ökologische Fußabdruck der Bewohner*inner soll dadurch deutlich gesenkt werden. Die Ausschreibung eines gerade laufenden Wettbewerbs beschreibt weitere Ideen: In dem neuen Viertel soll eine „Bibliothek der Dinge“ verwirklicht werden, in der Bücher, Sportgeräte, Werkzeuge und Gartengeräte ausgeliehen werden können. Der Besitz von eigenem Werkzeug werde dadurch „nahezu überflüssig“. Neben Stellplätzen für Carsharing-Wägen ist zudem ein zentraler Fahrradverleih mit angeschlossener Werkstatt vorgesehen.

Als ich dem Baugebiet im Juni einen Besuch abstatte, ist von alldem noch nichts zu sehen. Die Fläche, auf der ab 2021 das „eco village“ entstehen soll, befindet sich am nordöstlichen Rand des Kronsberg-Quartiers. Wo bald Tiny Houses und Gemeinschaftswohnungen in die Höhe wachsen sollen, befinden sich heute ausgedehnte Blumenwiesen. Das Grundstück wird von zwei Fahrradwegen durchkreuzt, die am Samstagnachmittag voller Menschen sind. Kinder springen umher und werfen sich Bälle zu, Eltern betrachten die Blumen am Wegesrand. Noch ist schwer vorstellbar, was hier in den nächsten Jahren passieren soll.

Der nordöstliche Teil des Baugebiets: Im Hintergrund ist der Stadtteil Kronsberg zu sehen.
In der Mitte der Fläche kreuzen sich die beiden Fahrradwege. Zu Beginn meines Besuches war es hier deutlich belebter.

Hinter der Vision „eco village“ steht jedoch ein sauber ausgearbeiteter Plan, an dem zahlreiche Menschen aus verschiedensten Bevölkerungsgruppen beteiligt sind. Das Gebiet am Kronsberger Nordrand gehört der Stadt Hannover – die Genossenschaft hat allerdings die Zusage, die Fläche nutzen zu dürfen. Ob am Ende ein Kauf oder ein Erbbaurechtsvertrag vereinbart wird, sei laut Prozesskoordinator Dennis Klose noch offen: „Das entscheidet am Ende die Mitgliederversammlung“. Klose ist einer der zahlreichen Menschen, die sich aktiv am Planungsprozess des Viertels beteiligen und Mitglied der Genossenschaft sind. Als Prozesskoordinator sei er dafür zuständig, „die ehrenamtlichen Prozesse am Laufen zu halten“. Angefangen hat alles im Jahr 2018: Die Stadt Hannover hatte vorgesehen, ein Kleingartengebiet zwischen den Stadtteilen Burg und Hainholz in Baugrundstücke umzuwandeln. Schnell kam Protest auf – neben den Kleingärtner*innen konnte auch die „Transition Town“-Initiative wenig mit den Plänen anfangen.

„Transition Towns“ (eine von dem irischen Permakulturisten Rob Hopkins gegründete Bewegung) versuchen seit 2006, in vielen Städten und Gemeinden der Welt „den geplanten Übergang in eine postfossile, re-lokalisierte Wirtschaft“ zu gestalten. Auch in Hannover gibt es eine solche Gruppe, die in den Stadtteilen Burg und Hainholz besonders aktiv ist. „Natürlich war die Initiative gegen die Pläne der Stadt“, erinnert sich Dennis Klose an die Diskussion im Jahr 2018. „Der Gedanke war:  In all den kleinen Hütten, die in den Gärten schon da sind, können doch eigentlich auch Leute wohnen. So kam dann die Idee „Tiny-House-Dorf“ auf, und schnell wurden die Superlative herausgeholt.“ Von der Idee, auf dem Gebiet der Kleingärten Europas größte Mobilhaus-Siedlung zu errichten, waren die Gärtner*innen allerdings alles andere als begeistert. Doch es bot sich eine andere Lösung: Die Stadt bot alternative Flächen an, unter anderem das Gebiet am Nordrand vom Stadtteil Kronsberg.

Zugute kam der Initiative schon hier, dass die Stadtspitze der Vision „eco village“ durchaus positiv gegenübersteht. Im Jahr 2019 fanden mehrere Gespräche mit dem damaligen Oberbürgermeister Stefan Schostok, Umwelt- und Wirtschaftsdezernentin Sabine Tegtmeier-Dette sowie Stadtbaurat Uwe Bodemann statt, die allesamt „hervorragend vorbereitet“ gewesen seien. Auch der neue Bürgermeister, Belit Onay, unterstützt das Projekt und ist Schirmherr eines neugegründeten Vereins, der sich um die Akquirierung von Fördermitteln kümmert. Unter den Grundstücken, die der Initiative von der Stadt angeboten wurden, ragte Kronsberg gleich mehrfach heraus: Es gibt einen Bebauungsplan, die Fläche ist mit Abstand de größte, und durch den angrenzenden Stadtteil ist auch eine Anbindung an den ÖPNV sowie weitere Infrastruktur (Schulen, Gastronomie, Einkaufsmöglichkeiten) gegeben.

Einen Kilometer vom zukünftigen „eco village“ entfernt: Das Naherholungsgebiet rund um den namensgebenden Kronsberg.
Der Gipfel aus einer anderen Perspektive. Die Wiese wurde während meines Besuches zum Drachensteigen, Picknicken und Frisbee spielen genutzt.

Als sich im Jahr 2018 abzeichnete, dass die Vision „eco village“ in den Kleingärten zwischen Burg und Hainholz nicht verwirklichen würde und das Kronsberg-Angebot noch nicht vorlag, blieb die „Transition Town“-Initiative trotzdem am Ball. Anfang 2019 fand eine Informationsveranstaltung statt, bei der man mit „dreißig bis fünfzig Besuchern“ gerechnet habe – am Ende kamen dreihundert. „An dem Tag haben wir dann auch direkt Arbeitsgruppen gebildet“, erzählt Klose. Beteiligt seien „wirklich alle Personengruppen – und man könnte ja davon ausgehen, dass das Ganze längst explodiert wäre. Aber nein, wir kommen wirklich gut miteinander aus“. Der bottom-up-Planungsprozess, der seitdem stattfindet und beibehalten werden soll, gestaltet sich auch ansonsten vorbildlich. Im Anschluss an das Infotreffen entwickelten die Arbeitsgruppen Konzepte zu verschiedenen Aspekten des geplanten „eco village“, die bei einem „Visionskongress“ im Juni 2019 vorgestellt und diskutiert wurden. Im Oktober wurde die Genossenschaft ecovillage hannover e.G. gegründet, die seitdem offiziell für die Planung und Verwaltung des Quartiers verantwortlich ist. Alle Mitglieder der Genossenschaft – derzeit sind es knapp über 300, der Altersdurchschnitt liegt bei 45 – können die Entwicklung des Quartiers mitgestalten und genießen ein „grundsätzliches Wohnrecht“: Für jede Person, die schlussendlich gerne im „eco village“ leben möchte, soll entsprechender Wohnraum geschaffen werden. Die Zahl der AGs ist mittlerweile auf 18 gestiegen, zu den behandelten Themen zählen ein Energiekonzept, Stoffkreisläufe, ein Mobilitätskonzept sowie die Öffentlichkeitsarbeit des geplanten Stadtviertels. Abgerundet wird die Struktur von einem fünfköpfigen Vorstand und einem zehnköpfigen Aufsichtsrat. Alle Entscheidungen werden streng demokratisch gefällt.

Das Baugebiet aus einer anderen Perspektive.

Seit April dieses Jahres läuft nun ein international ausgeschriebener Städtebauwettbewerb, der sich konkrete Quartiersplanungskonzepte zum Ziel gesetzt hat. Grundlage ist eine zwanzigseitige Ausschreibung, die auf den Ergebnissen der Arbeitsgruppen basiert. Sieben Architekturbüros nehmen an dem Wettbewerb teil, die Planer*inner stammen aus Deutschland, Dänemark und den Niederlanden. Der Ablauf des Wettbewerbs ist durchaus besonders: Im Juni fand ein über BigBlueButton durchgeführter Zwischenworkshop statt, bei dem die teilnehmenden Teams jeweils ihren aktuellen Vorschlag präsentieren konnten. „Das ist wirklich ungewöhnlich“, sagt Klose. „Es war nicht ganz einfach, die Architektenkammer mitzunehmen, diesen Rückkopplungsworkshop überhaupt zuzulassen. Eigentlich gibt es so etwas nicht. Die Wettbewerbsteilnehmenden fanden die Idee großartig.“ Mit den vorgestellten Ideen und dem Workshop selbst sei man „sehr zufrieden“ – ganze 150 Seiten Verbesserungsvorschläge sind zusammengekommen, die nun von den Architekturbüros eingearbeitet werden können. Am 29. August wird eine Jury eine Vorauswahl treffen, die anschließend in die Mitgliederversammlung der Genossenschaft gegeben wird. Auch hier ist jedes Mitglied gleichermaßen in der Lage, mitzuentscheiden. „Es ist vorstellbar, dass am Ende Elemente verschiedener Vorschläge kombiniert werden“, sagt Dennis Klose. „Aber es wird einen klar benannten Sieger geben.“

Die Vision „eco village“ hat sich bis ins Jahr 2020 also auf beeindruckende Weise konkretisiert. Aus der „Transition Town“-Idee ist eine stabile und demokratische Struktur gewachsen, die noch immer neue Mitglieder hinzugewinnt. Eine Entscheidung über den Kauf der Fläche wird bald fallen, der endgültige Bebauungsplan ebenfalls vorliegen. Der Bau soll dann 2021 starten. „Die Bauanträge wollen wir noch 2020 stellen“, sagt Klose. Geplant sei im Anschluss die Errichtung von etwa einhundert Wohneinheiten pro Jahr. Die geschätzten Baukosten liegen bei 90 Millionen Euro, für den möglichen Kauf des Geländes stehen zudem 16 Millionen Euro im Raum. Finanziert werden soll das Projekt durch Fördermittel, Spenden und Mieten – die Mieten sollen dabei nach und nach verschiedene Darlehen abbezahlen, die zwangsläufig aufgenommen werden müssen.

Sehr vieles spricht dafür, dass die Vision „eco village“ bald Realität werden und auch langfristig funktionieren wird. Das mediale Interesse sei von Anfang an riesig gewesen, sagt Klose – „Wir müssen gar keine Werbung machen.“ Immer wieder werden das vorbildhafte Nachhaltigkeitskonzept des entstehenden Quartiers sowie der demokratische Bottom-Up-Planungsprozess herausgestellt, und das völlig zurecht. 2021 wird es am Nordrand von Kronsberg dann richtig spannend werden. Es dürfte sich lohnen, das Projekt in Hannover im Auge zu behalten.

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